Der Tagesspiegel

Die Spur der Steine



Vor dem Berlin-Konzert: 1965 kamen die Rolling Stones zum ersten Mal nach Deutschland. Erinnerung eines Fans, der von Anfang an dabei war

Von H.P. Daniels

„Da gehst du nicht hin!“, sagte der Vater. Er hatte von den Rolling Stones gelesen. Von den Tumulten. Den zertrümmerten Sitzreihen. „Musik nennt ihr das? Dieses Bummbumm? Da gehst du nicht hin!“

München 1965. Überall hingen Plakate: BRAVO bringt die härteste Band der Welt. THE ROLLING STONES im Circus Krone. Ausgerechnet Bravo. Fanden wir unpassend. Bravo war etwas für kleine Mädchen, nichts für Stones-Fans.

Als der Vater sein Verbot aussprach, hatte ich die Karte längst in der Tasche. 12 Mark waren viel Geld. Und ich zitterte vor Aufregung. Ein Kribbeln im Magen, Schwindel im Kopf. Ein Gefühl, als würde ich fliegen. Dabei fuhr ich Fahrrad, war 14 und ging noch in die Schule.

Am 14. September 1965 stehen wir eingekeilt zwischen Absperrgittern und Polizisten. Kaum jemand über 18. Drinnen dumpfes Getrampel und Klatschen. Schrilles Kreischen. Alle auf den Beinen, hoch von den Sitzen. Wippen, Wackeln, Tanzen. „Anheizer“ sagte man zu den Vorgruppen. Und dann: Hey, das sind die Stones! Die Stones, die Stones … sie sind es wirklich. Und das Kreischen wird so laut, dass man kaum mehr etwas von der Musik hört. Schlagzeug, Bass und ein bisschen Gitarre. Böses Grummeln, purer Rhythmus. Energie. Ein Stromstoß durchfährt den Körper. „I'm so glad to be here tonight“, schreit der Sänger. „Das ist Mick … Mick“, kreischt das schöne Mädchen neben mir. Tränen rollen ihr übers Gesicht. Und Brian Jones schüttelt die blonden Haare und jagt noch einen Stromstoß ins Publikum mit seiner Gitarre und seinem Lächeln. „Everybody needs somebody“, singt Mick. „I need you, you, you“, und sticht mit dem Zeigefinger rhythmisch in die Menge. „You, you, you!“ Er meint dich und mich, er meint uns alle, dich und mich. Und das schöne Mädchen fällt mir um den Hals, „Mick, Mieeeeck“, haucht sie „somebody to love…“ Und nach zwanzig Minuten ist es vorbei, und die Stones sind weg. Und wir dachten, es könnte das letzte Mal gewesen sein. München 1965.

Jedes Mal haben wir seitdem gedacht, es könnte das letzte Mal gewesen sein, 1967, 1970, 1973, 1976. Als dann Konzerte nicht mehr in Hallen stattfanden, sondern in Fußballstadien, dachten wir es wieder: This could be the last time. Konzerte in Stadien sind grauenhaft. Eine Tortur. Plötzlich sind sie so weit weg. Unsere Stones. Endlos weit. Eigentlich schon nicht mehr bei uns. Aber dann, trotz Olympiastadion, 1990 nochmal ein grandioses Konzert. ’95 die Ernüchterung in Prag, Spartakiade-Stadion. Die Stones schlecht wie nie. The last time? Aber schon die Karte in der Tasche fürs Olympiastadion eine Woche später. Auch da weit weg, aber sie spielen wieder richtig gut.

„Da geh ich nicht mehr hin!“ Ich war fest entschlossen, als die Eintrittspreise auf über hundert Mark stiegen.

Und dann war ich doch wieder da. Und es wurde ein Bratwurst-Konzert. Im Publikum überwiegend Leute, die sich kaum für die Musik interessierten, die in den Stones nichts weiter sahen als ein Event, das man mal erlebt haben musste, koste es, was es wolle. Für diese Leute spielten die Stones ihre ausgelutschten Hits. The last time. Endgültig. Ich geh nicht mehr hin.

Es wäre so einfach gewesen, wenn ich nicht diesen Traum gehabt hätte: noch einmal die Stones im Circus Krone. Wo alles angefangen hat.

November 2002: Die Rolling Stones kündigen die Termine für ihre Europa-Tour an. Es geht los in München. Und sie geben ein „Club“-Konzert für 1500 Leute im Circus Krone. Ist das wahr? Da muss ich hin. Und wenn es das allerletzte Mal ist. So was kommt nicht wieder. Da geh ich hin. Und bin längst älter als mein Vater, als er sagte: Da gehst du nicht hin! Mit 46 kam er mir uralt vor. Mick und Keith werden 60 dieses Jahr.

Ich lasse mich akkreditieren als Journalist. Die Agentur bittet um Geduld. Im Januar wisse man mehr. Die Chancen stünden gut. Im Januar wissen sie nichts. Noch etwas Geduld. Die Chancen seien gut. Schließlich heißt es, eine Woche vor dem Konzert bekämen die Journalisten Bescheid. Die Chancen stehen aber gut. Am Montag vor dem Konzert eine E-Mail: „…bedauern sehr!“ Verfluchte Agentur! Was tun?

Ein einziges Angebot bei Ebay, der Internet-Börse. Steht bei 500 Euro. Sind die völlig irre? Wer zahlt 500 Euro für ein dämliches Konzert? Bald darauf sind es schon 550. Noch ein paar Stunden bis Auktionsende. Kurz vor Schluss werde ich zuschlagen. Ich bin verrückt. Egal. Bei 600 schlag ich zu. Dann schlägt ein anderer zu. 1250 Euro! Der ist doch durchgeknallt! Und ich? Fahre einfach nach München, egal jetzt, denke ich, versuche es an Ort und Stelle. Mit einem Schildchen „Suche Karte!“, über das ich mich sonst immer amüsiere. Vor Ort dasselbe Spiel: Bei Ebay bieten sie wieder um eine Karte, sind schon über 1000 Euro. Kaum mehr Hoffnung, wenn die schon solche Summen zahlen. Aber dann ein neues Angebot: 580 Euro. „Sofort kaufen.“ Ich brülle es beinahe in meinen Computer hinein. Kurzes Verhandeln. Okay, 540! Er bringt die Karte gleich vorbei. Ist ein höflicher junger Mann mit guten Manieren. Als ich die Karte betrachte, zittern meine Finger. Wie damals, als ich 14 war und 12 Mark bezahlt habe. 540 Euro! Ich muss total übergeschnappt sein.

Auf dem Weg zum Konzert ein Kribbeln im Magen, Schwindel im Kopf. Ein Gefühl, als würde ich fliegen. Stones im Circus Krone. Hier habe ich auch die Beatles gesehen, Kinks, Who, Spencer Davis Group. Die Besten. Mit Wolfgang, mit dem ich Gitarre gespielt und jedes Wochenende im Fernsehen den Beat- Club gesehen habe, schwarzweiß im Wohnzimmer seiner Eltern.

Als ich noch dachte, nichts, aber auch gar nichts ginge über die Beatles, kam Wolfgang mit einer neuen LP: „Hör dir das mal an.“ Ganz langsam senkt er den Tonarm ab. Behutsam. Liebevoll. „Hör dir das mal an!“ Kurzes Rumpeln. Leises Knistern. „Hör mal!“ Ein paar grobe Gitarrentöne. Melodiefetzen. Böses Grummeln. Dann diese Stimme, diese komische Stimme: „Well, the joint was rocking goin' around and around!" „Das“, sagte Wolfgang, „sind die Rolling Stones.“ Ich fasste es nicht. Es war fantastisch. Fast besser als die Beatles. Es war besser.

Aber 14-Jährige gehen da nicht mehr hin. An den Absperrgittern vor dem Eingang drängeln sich nur Erwachsene, die selbst 14-jährige Kinder haben könnten. „Wo habt ihr denn eure Karten her?“ Ein Typ dreht sich um. „250 Euro“, sagt er, „heute Nachmittag, draußen auf der Straße.“ „Mir ham Glück ghabt“, sagt eine junge Frau, „mir ham ghört, dass no amoi Kartn gibt, hoid früh, an der Kasse, sechzg Euro!“ Mir wird schwindlig. Aber vorhin hätten sie jemanden gesehen, vor der Halle: Der habe 1700 Euro hingeblättert. Ist wirklich wahr!

„Hey, ist das nicht Rezzo Schlauch, da unten in der Menge?“ „Ja“, sagt die Frau links neben mir. „Ich glaube, ja!“ Sie leitet eine Kindertagesstätte. Und begleitet ihren Mann zu allen Stones-Konzerten. „Er ist der Fan“, sagt sie, „ich fahr halt immer mit!“ Im Olympia- Stadion waren sie schon. Vorgestern. Jetzt kommen noch Hamburg und Hannover. Er arbeitet bei Tchibo in Hamburg. Nette Leute. Und allen läuft der Schweiß übers Gesicht. Dann geht das Licht aus. „Ladies and Gentlemen: The Rolling Stones!“

Und alle springen auf. Die junge Frau, die Erzieherin, der Kaffee-Experte. Alle stehen, klatschen, jubeln. Und auf den Plastiksitzen bleibt ein feuchter Fleck. Da kommt Keith. In grünem Flatterhemd über den schwarzen Jeans und mit zerzauselt grau melierten Haaren. Bewegt sich schlaksig, wie ein junger Mann vom Rummelplatz, einer dieser Kerle vom Autoscooter. Totenkopfring am Finger, bunter Schal am Gürtel. Und kleine Handschellen als Geschmeide am Armgelenk. Wer kann sich so was erlauben, mit fast 60? Nur Keith: „The most elegantly wasted Rock’n’Roller“. Drischt die ersten Akkorde in die alte Telecaster. „Jumping Jack Flash“. Und da ist Mick. Schwarze Hose, violettes Hemd, vorne offen, bauchfrei, wo kein Bauch ist. „I was born in a crossfire hurricane…“ Und sie sind wieder bei uns. Ohne das ganze aufgeblasene Zeug: die gigantischen Puppen, die Videoleinwände, die Laufstege und Konfetti-Kanonen. Heute geht es nur um die Musik. Was sie spielen. Wie sie spielen. „Tumbling Dice“. „All Down The Line“. „Sweet Virginia“. Etwas verwackelt manchmal. Mick setzt sich ans E-Piano neben Keyboarder Chuck Leavell. Singt Falsett, verfistelt sich in den Höhen, „Worried About You“, dann wieder mit voller Kraft. Ronnie Wood steckt sich eine Kippe an, hängt sich eine andere Gitarre um. Und Keith, Meister ungespielter Töne, treibt seine Meisterschaft auf die Spitze. Nur noch ein paar Akkorde pro Song.

Lange her, dass sie hier gespielt haben, sagt Jagger. Damals hätten sie mit diesem Song angefangen: „Everybody needs somebody – You, you, you.“ Und die Bläser spielen die Akzente. Da-dupp, da-dupp. Bläser waren damals nicht dabei. Und ein paar Meter vor mir hatte Bill Wyman gestanden. Bewegungslos. Während Mick fegte. Von links nach rechts. Und Brian Jones hatte hier gestanden. Im weißen Rollkragenpullover. Brian Jones ist 34 Jahre tot. Mein Vater ist zehn Jahre tot. „That’s how strong my love is“, wunderbarer Soul in Sechsachtel. Keith fängt ein Solo an, ein paar Töne, vermurkst es, weiß nicht weiter, er nickt Ronnie zu, soll der mal, aber der weiß auch nicht. Ein Loch im Song, ganz kurz, bis Jagger weitersingt. Dann ist das Stück zu Ende, und Jubel, aber sie setzen noch mal ein, mit fetten Bläsern, wie bei einer alten Soul- Revue. Und sind nicht mehr zu halten, „Going To A Go-Go“.

Dann singt Keith. Eine zauberhaft knurrige, alte Ballade von Hoagy Carmichael. Ein Song so alt wie er selbst. „The Nearness Of You“. Alle toben. „Bless ya. All goldrings on ya“, sagt Keith gerührt und singt „you make a grown man cry“. Jagger zieht immer wieder neue T-Shirts an. Ronnie raucht eine. „It's only Rock’n’Roll“, und Rezzo freut sich, lacht und singt: „…but I like it!“

Ob ich der Einzige bin, der in diesem Moment an Mick Taylor denkt, Nachfolger von Brian Jones? Der ihn vermisst bei „Can't You Hear Me Knocking“? Das fantastische Solo von einst spielt jetzt Ronnie. Ein bisschen weniger fantastisch. Und Bobby Keys röhrt ein Saxofon-Solo, bei dem ihn die Gitarrenkumpels alleine stehen lassen. „Honky Tonk Woman“. Rezzo reckt den Arm. „Start Me Up“. Keith kleben inzwischen die Haare am Kopf. „Brown Sugar“. Rezzo ruft „yeah, yeah, yeah – huuuh!“ Bis es heißt: „Thank you, good night!“


Aber sie kommen noch einmal, die Stones, ganz nah. Und noch eine Soulnummer von Otis Redding: „Can't Turn You Loose!“ Jagger weiß, gleich ist's vorbei, dreht noch einmal voll auf, springt, hopst, gibt den Soul-Shouter, klatscht Hände ab in der ersten Reihe. Charly wirft seine Stöcke in den Saal.

Vorbei.

„Ssuppa!“, sagen die Leute auf dem Heimweg. „Ssuppa!“, hört man ganz oft. Und einige haben einen Sport entdeckt, sagen sich Namen von berühmten Leuten, die sie gesehen haben. Jenny Elvers, Til Schweiger, Michael Mittermeier … „Rezzo Schlauch“, sage ich. „Rezzo wer?“ „Der Grünen-Politiker!“ „Michael Glos von der CSU“, sagt die junge Frau. „Der auch?“

Am Sonntag, dem 15. Juni, spielen die Rolling Stones im Berliner Olympiastadion, 20 Uhr. Es gibt noch Karten.